Von Bäumen umgeben, thront Schloss Neuschwanstein strahlend weiß mit zahlreichen Türmchen und Erkern auf einer Anhöhe, während sich im Hintergrund die Idylle des bayerischen Voralpenlands erstreckt. Es ist das perfekte Postkartenmotiv, millionenfach jedes Jahr von Touristen aus aller Welt bestaunt und fotografiert. Ob Ludwig II. von Bayern an die Touristen gedacht hat, als er sein Märchenschloss bauen ließ, darf allerdings bezweifelt werden.
Wie Ludwig II. zum Märchenkönig wurde
Der Auslöser für den Bau seiner Schlösser und besonders seines Märchenschlosses Neuschwanstein war das größte Unglück seines politischen Lebens. Nachdem Bayern sich im Krieg gegen Preußen mit Österreich verbündet hatte, wurde dem Königreich nach seiner Niederlage 1866 das “Schutz- und Trutzbündnis” aufgezwungen. Dadurch verlor Ludwig II. praktisch den Oberbefehl über seine Armee und damit letztlich seine Souveränität als bayerischer Herrscher. Um diesen Verlust zu kompensieren, begann er ein Jahr später mit den Planungen seiner Schlösser, mit denen er sich ein Reich schuf, in dem er sich in dem trügerischen Glanz seiner Macht sonnen konnte.
Neue Burg Hohenschwangau
Bereits Ludwigs Vater, Kronprinz Maximilian II. von Bayern, war von der romantischen Gebirgslandschaft begeistert, weshalb er das damals baufällige Schloss Hohenschwangau ab 1832 restaurieren ließ. Auch der junge Ludwig war von der Landschaft hingerissen, und das Sommerschloss wurde einer seiner Lieblingsorte. Seine Mutter Marie war eine passionierte Bergsteigerin und nutzte die Aufenthalte auf dem, heute gegenüber von Neuschwanstein gelegenen, Sommerschloss Hohenschwangau zum Wandern. Damit sie die Landschaft genießen konnte, ließ ihr Mann Maximilian II nicht nur Wege und Aussichtspunkte anlegen, sondern auch die hoch über der Pöllatschlucht gelegene „Marienbrücke” errichten. Auf dem schmalen Bergrücken neben der Pöllatschlucht, der “Jugend” genannt wurde, gab es bereits die Überreste von zwei kleinen Burgen, die Vorder- und Hinterhohenschwangau hießen. Dort plante Ludwig II. den Bau seiner neuen Burg Hohenschwangau, die er sich als ideale mittelalterliche Burg vorstellte, die allerdings gleichzeitig mit allen modernen technischen Errungenschaften ausgestattet sein sollte. Grundsteinlegung war bereits am 5. September 1869. Einziehen konnte der ungeduldige Schlossherr jedoch erst 1884, nachdem 1880 Richtfest gefeiert worden war.
König Ludwig II. ist bis heute ein Mythos. Geboren wurde er am Tag des heiligen Ludwig IX., der nicht nur König von Frankreich, sondern auch Stammvater des Hauses Bourbon war. Eine weitere Verbindung zwischen den Wittelsbachern und dem französischen Königshaus bestand darin, dass Ludwigs Großvater und Taufpate Ludwig I. von Bayern, Ludwig XVI zum Paten gehabt hatte. Diese Beziehung zum Königshaus der Bourbonen spielte für das Selbstverständnis von Ludwig II. eine große Bedeutung. Bereits zu Lebzeiten hatte Ludwig an seine Erzieherin geschrieben, dass er für sich und andere ein ewiges Rätsel bleiben möchte. Er war ein menschenscheuer Träumer und somit das Gegenteil des Idealbilds eines selbstbewussten Herrschers. An seinem Streben nach Ideal und Poesie ist er letztlich gescheitert, trotzdem wird er bis heute bewundert und verehrt. Sein Tod am 13. Juni 1886 im Starnberger See gibt bis heute Rätsel auf und ist von zahlreichen Mythen umrankt. Sein Ziel, ein Rätsel zu bleiben, ist ihm jedenfalls ohne Zweifel gelungen. Doch durch seine Geschichte und vor allem durch seine Schlösser ist er sich unsterblich geworden.